Homeschooling stellt den Familienalltag auf den Kopf, sorgt für verzweifelte Kinder und Eltern. Einerseits ist es die Überforderung mit der Technik oder auch mit der Bewältigung des Schulstoffes, andererseits die Angst nicht ausreichend zu lernen, zu versagen oder sogar das Schuljahr zu wiederholen. Wir haben bei Michaela Mayer, seit 11 Jahren Lerntrainerin der Praxis Leko-Mayer in Traunreut, nachgefragt, was zu einer spürbaren Verbesserung des Alltages beitragen kann.

Frau Mayer, warum ist Homeshooling eine so große Herausforderung für unsere Kinder bzw. Familien?
Es gibt keine bzw. noch keine Erfahrungswerte, die eine Grundlage schaffen würde, auf die man verlässlich zurückgreifen oder aufbauen könnte.
Zuerst würde ich mir wünschen, dass man die Begriffe die hier herumschwirren definiert. Homeschooling, Distanz-Unterricht, Fern-Unterricht, usw.. Von Seiten der Verantwortlichen eine einheitliche Kommunikationsebene schaffen durch definierte Begriffe, die im Bereich Bildung, Schule und Lernen offiziell verwendet werden, das würde schon einiges an Verunsicherung ausschließen.

Ich kann von vielen Gesprächen besonders aus der ersten Woche nach den Weihnachtsferien berichten, in denen für viele der Kinder und Jugendlichen tatsächlich die Technik im Vordergrund der Sorgen stand, wie z.B. „Wann muss ich mich einloggen?“, „Was passiert wenn ich es nicht schaffe?“, „Was ist wenn das Internet ausfällt?“ Öfter habe ich auch gehört: „Hoffentlich gehen die Druckerpatronen nicht aus, …

Sollen Kinder selbstständig lernen und wann sollen/müssen Eltern aktiv mitmachen?
Zu dieser Frage kann ich leider nur ganz oberflächlich antworten: Eine Vereinbarung zwischen den Kindern und Eltern ist oftmals hilfreich, die Kinder, aber auch Jugendlichen signalisieren, wann sie Unterstützung wünschen oder benötigen. Mein Tipp als Lerntrainer ist es, diese Vereinbarungen in einem „Lern-Vertrag“ schriftlich festzuhalten, jeder, Eltern und Kinder/Jugendliche können sich einbringen, so kann man überflüssige Konflikte vermeiden.
Vorrangig ist auf jeden Fall selbständiges Arbeiten und Erarbeiten, das stärkt das Selbstvertrauen und ist folglich positiver Einfluss auf das Selbstbewusstsein.

Wie sollte der Arbeitsbereich gestaltet sein, um mehrere Stunden am Stück vor allem online zu arbeiten?
Idealerweise ist der Arbeitsplatz nicht im Kinder-/Schlafzimmer, Küche oder Wohnzimmer. Empfohlen wird, auch für Erwachsene, die im Homeoffice arbeiten, sich einen speziellen Arbeitsplatz zu schaffen, denn man weiß, dass man strukturierter und konzentrierter arbeiten kann, wenn Arbeitsbereich und Freizeitbereich getrennt sind. Mir ist es allerdings klar, dass das selten so zu verwirklichen ist, besonders wenn man eine Familie mit Geschwisterkindern ist. Für einen Arbeitsplatz ist es günstig, wenn nicht zu viel „Ablenkungsmöglichkeiten“ in der Nähe sind, ich denke das ist auch von den Schulen bzw. Lehrkräften so empfohlen worden.

Welche Tipps haben Sie zur optimalen Gestaltung des Homeshooling-Tages?
Optimal würde bedeuten, nahe am Alltag, der uns eine fast rituelle Zeitstruktur vorgibt. Täglich, also wochentags, zur selben Zeit aufstehen, und die Morgenrituale beibehalten.
Regelungen evtl. eine Art Stunden- oder Tages-Zeit-Plan aufzustellen ist eine Möglichkeit den Einstieg zum Beibehalten besonders der morgendlichen Alltagsrituale. Dazu braucht man kein Experte zu sein, das kennt jeder selbst, wenn der Tag gut anfängt, fällt alles leichter. Zu den Arbeitsphasen könnte man sog. „Zeitmanagement-Methoden“ ausprobieren, die nicht nur Schülern*innen Unterstützung bieten.

Gerne stellen ich euch drei relativ gut umsetzbare Methoden kurz vor:

1. Das Eisenhower-Prinzip, hier wird nach Prioritäten und Dringlichkeit in die 4 Eisenhower Quadranten eingeteilt

2. Die „Küss den Frosch Methode“, Vorgehensweise ist, den Tag mit den hässlichsten und schwierigsten Aufgaben zu beginnen, dies ist super simpel und liefert großen Fortschritt schon am Tagesanfang.

3. Die Pomodoro-Technik, in Zeitabschnitten von 25 Minuten fokussiert zu arbeiten, 5 Minuten Pause, das Ganze wird drei Mal wiederholt, dann eine längere Pause einlegen. Es ist eine gute Technik um den Vormittag einzuteilen, denn bei dieser Technik schreibt man in der Regel zuvor die Arbeitsschritte auf, die man schaffen möchte.

Es ist sehr spannend, was man beim Erforschen dieser Methoden über sich selbst herausfinden kann. Es fördert unter anderem, dass man die realistischen Erwartungen an sich selbst erkennen lernt, Konzentrationsphasen aufmerksamer verfolgen kann, selbstverantwortlich und selbstbestimmt Lernen und Arbeiten trainiert. Spaß macht es natürlich auch etwas Neues auszuprobieren.

Wieviele Stunden am Tag sind zumutbar für Onlineunterricht und Hausaufgaben?
Hier kann ich leider keine klaren Zeitangaben machen, denn es hängt zum Einen sehr vom Alter ab, zum Anderen von der individuellen Persönlichkeit. Sicherlich könnte man hier auch Studien zitieren, was aber ebenfalls nur einen Querschnitt bieten würde. Mir berichten viele, dass sie den Online-Unterricht an sich anstrengender finden, weil es teilweise Abarbeiten von Arbeitsaufträgen ist, viele auch ihren eigenen Zeitfaktor nicht einschätzen können oder das Gefühl haben die Lehrkraft übermittelt wesentlich mehr „zu tun“ als im regulären Unterricht.
Gerne verweise ich an dieser Stelle an die oben beschriebenen Zeitmanagement-Methoden. Mittlerweile, so wird mir berichtet, gibt es den direkten Unterricht, also 1:1 die Stunden über Videokonferenzen abzuhalten eher weniger. Bei den meisten, mit denen ich in Kontakt stehe, wird die Anwesenheit „gecheckt“, teilweise mehrmals am Vormittag oder zu vereinbarten Uhrzeiten.
Hausaufgaben sind auch ohne „Ausnahmesituation“ immer wieder ein Streitthema.

Was können Eltern unternehmen, wenn es mit der Kommunikation mit dem Lehrer nicht wirklich klappt und das Kind ständig überfordert ist?
Hier würde ich wie sonst auch empfehlen, zuerst mit der Klassenleitung in Verbindung zu treten. Ich höre auch von Lehrkräften, dass ihnen tatsächlich das Feedback der Eltern wichtig wäre. Wenn das Kind „ständig überfordert“ ist, kann es möglicherweise auch andere Ursachen haben, denen man auf den „Grund gehen“ sollte.
Fast alle unserer Schulen bieten die Möglichkeit zu Gesprächen mit der Schulsozialarbeit an, hier kann man ein Gespräch vereinbaren, als Eltern und Schüler*innen.

Eltern sind oft überfordert mit dem Schulstoff, Lehrer sind kaum erreichbar. Wo sehen Sie hier Möglichkeiten zur Unterstützung der Kinder?
In manchen Bereichen sind nicht nur Eltern überfordert, Lehrkräfte auch, denn so viel ich bisher mitbekommen habe, ist der Lehrplan abgesteckt und der Stoff muss vermittelt werden.
Bis jetzt hofft man auf klare Aussagen des Kultusministeriums. Am 21. Januar fand eine Sondersitzung des Bildungsausschusses im Landtag statt, hier kamen einige Themen auf den Tisch, wie und was daraus wird, kommt auf.
Schwierig finde ich es momentan von Lern-Defiziten zu sprechen, da sich bei jedem Schüler die Situation anders gestaltet. In den Raum zu stellen, das Schuljahr zu wiederholen, ist keine Basis, die Sicherheit vermittelt, zumindest nicht für die Eltern.
Es müssen realisierbare Perspektiven geschaffen werden, aber das sind politische Entscheidungen. Deshalb habe ich mich vor der Sondersitzung des Bildungsausschusses an einige Landtagsabgeordnete im Bildungsausschuss gewandt. Ich war sehr überrascht, dass ich von fast allen eine persönliche Antwort oder sogar einen Anruf erhalten habe, das lässt uns doch hoffen.
Dass Lehrkräfte kaum erreichbar sind ist, nachdem was mir zugetragen wird, eher eine Ausnahme. Die meisten erzählen, dass sie entweder einen direkten Chat zur Lehrkraft haben oder über die Schulcloud, Schulapp, E-Mailaustausch jederzeit persönliche Gespräche vereinbaren können.

Manche Eltern überfordern sich selbst und somit auch ihre Kinder. Eltern sind keine Lehrkräfte, sie begleiten und unterstützen in diesem Bereich, das sollte man sich immer wieder klar machen.
Die allgemeine Situation ist angespannter, dazu produzieren die Medien durch teils reißerische und polarisierende Schlagzeilen zusätzliche Unsicherheit.

Soziale Kontakte sind stark eingeschränkt. Wie kann man aktiv Entgegenwirken?
Wer die Möglichkeiten hat rauszugehen, sollte das natürlich tun.

Tipp 1: Ich weiß, das klingt für viele profan, aber ab und zu einfach „durchatmen“, reflektieren und sich jeden Tag eine „Quality-Time“ oder „gemütliche Zeit“ einzurichten. Man kann das tatsächlich auch im Tages-Ablauf-Plan fest ein planen, Vorfreude gehört auch schon zur Entspannung.
Diese Zeit, ob das nun 20 Minuten oder eine feste Stunde ist, ist erst mal nicht so wichtig. Wichtig ist es aber sich bewusst auf diese „Auszeit“ vorzubereiten.
Viele Psychologen empfehlen, dass „Nichts-Tun“ für einen geplanten Zeitraum effektiver sein kann, als ständig im „Arbeits-Modus“ zu sein.
Auch das könnte die Familiendynamik abwechslungsreich und spannend gestalten, denn diese „Auszeit“ sollte jeder, auch die Mama 😉 für sich selbst gestalten und in Anspruch nehmen.

Tipp 2: Regelmäßig eine „Familienkonferenz“ abzuhalten kann sehr zur Entspannung beitragen. Das klingt vermutlich für viele ein wenige abstrakt, jedoch kann dies über einen Zeitraum hinweg die Spannungen abbauen. Dient zur Kommunikation und jedes Familienmitglied kann seine Sorgen und Nöte aber auch Wünsche und Anregungen formulieren. Das klappt auch gut mit jüngeren Kindern. Sie trainieren dabei die Meinungen anderer zu akzeptieren, sich selbst auszurücken, alle aussprechen zu lassen uvm.. Wenn man möchte kann man auch ein „Besprechungsprotokoll“ führen, somit kann man auch später noch auf das Besprochene zurückgreifen und jeder sollte mal zur Protokollführung dran kommen.
Man sollte im Vorfeld festlegen, wann die Familienkonferenz stattfindet, Kinder/Jugendliche können sich vorbereiten, vielleicht auch einen „Konferenz-Tisch“ herrichten, auch ein grober Zeitrahmen ist hilfreich um nicht vom „Hundertsten ins Tausendste“ zu geraten.
Gesprächskultur in der Familie pflegen dient allen Familienmitgliedern.

Viele Kinder entwickeln in dieser Zeit Versagensängste. An wen kann ich mich wenden?
Hier kann ich auf die sonst üblichen Stellen verweisen, wie Haus-Kinder-Jugendarzt/-Psychologe, Schul-Psychologen, Beratungslehrkraft, Schulsoziallarbeit, wenn es sich um Schulangelegenheiten handelt auf der Homepage der Stadt Traunreut findet man die Telefonnummern der Beratungsstellen:

Beratungsstellen für Kinder und Jugendliche

Nochmal verweise ich auf Tipp 2: Gespräche in der Familie kamen und kommen oft zu kurz. Zulange nicht aussprechen zu können, wie es einem geht ist häufig der „Teufelskreis“.
Versagensängste haben vielerlei Ursprünge, oft baut es sich auf, wenn man nicht darüber spricht/sprechen kann, manchmal bauen diese auf Missverständnissen auf, ein Gespräch schafft häufig Erleichterung.

Wie hilfreich sind Online-Angebote?
Es entsteht aktuell eine parallele teils dubiose und abzockerische Anbietervielfalt im Online-Bereich, die sich hier neue Absatzmärkte generieren!
Man sollte vorsichtig sein, wenn Angebot mit z.B. “kostenlos testen” lockt, die Möglichkeit ist oft sehr gering und fordert eine Anmeldung gerade zu heraus. Bei anderen wiederum kommt man nur an die Infos, wenn man seine E-Mailadresse angibt, man wird hierbei aufgefordert sich persönlich betraten zu lassen, oder die Werbung versteckt sich in kostenlosen “Smat-Phone-App-Spielen”, hier wird man um einen Booster o.ä. zu bekommen aufgefordert ein “Werbefilmchen” anzusehen und mit einem Touch ist man schon auf der Anbieterseite. Schnell kommt da einige Kosten auf einen zu.

 

Bild: Michaela Mayer ist seit 2010 als Lerntrainerin mit Schwerpunkt Lese-Rechtschreib-Störung (LRS), Legasthenie, Dyskalkulie (Rechenschwächen/-störung), Aufmerksamkeitsproblematiken in ihrer Praxis Leko-Training in Traunreut tätig.